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Femmes fin de siècle

01.Vier sehr attraktive Frauen 02.Zwei reizende junge Damen 03. Zwei zauberhafte Adelstöchter 04.Vier umwerfende Freundinnen 05.Zwei Mitstreiterinnen von verblüffender Schönheit 06.Zwei charismatische Verführerinnen 07.Zwei selbstbewußte Halbgöttinnen 08.Zwei betörende Feen 09.Zwei entzückende Engelchen 10.Zwei holde Grazien 11.Zwei extravagante Prinzessinnen 12.Zwei elegante Gebieterinnen 13.Zwei charmante Püppchen 14.Zwei mondäne Heldinnen 15.Die klugen Köpfe des schwachen Geschlechts

Sie ähneln ein wenig den Frauen des achtzehnten Jahrhunderts mit ihren enervierenden Abenteuern, ihrem galanten Einfluß auf die Sitten der Zeit, ihren Erfolgen eines Tages, einer Nacht, mit ihrer reizvollen Schönheit, dem Geheimnisvollen, ein wenig Schwülen, das sie und ihr Leben erfüllt. Es umgibt sie eine unvergeßliche Legende von sieghafter Zärtlichkeit, gewagter Unabhängigkeit und unwiderstehlicher Keckheit, verbunden mit einer lasziven Grazie, einer Liebenswürdigkeit und kapriziösen Verliebtheit, wie sie nur von den Damen des 18. Jahrhunderts bekannt geworden ist. Und doch ist die Frau des Zweiten Kaiserreichs ein Typus für sich.

Eine ausgezeichnete Beobachterin des eleganten Lebens der Dame unter dem Zweiten Kaiserreich und der späteren Jahre ist Mademoiselle Romieu. Sie sagt in ihrem Buche »La femme et la Société«: »Die große Dame der Finanzwelt, die faktisch erst unter Louis Philippe aufgetaucht ist, und die heutige große Dame decken sich gewissermaßen. Beide sind elegant und reich, beide haben den künstlichen Reiz, den allein die Gewohnheit der großen Welt geben kann. Die vornehme Dame des Faubourg Saint-Germain zeigt einen aristokratischeren Typus. Sie ist im vollen Sinne des Wortes eine grande dame, von einem Schlage, der sich anderswo nicht findet. Vor lauter Vornehmheit bleichsüchtig, vor lauter Grazie gekünstelt, bewahrt sie inmitten der Vorurteile, von denen sie erfüllt ist, einen gewissen Adel der Empfindungen.

In den höchsten Schichten besteht die Rolle der Frau lediglich darin, zu bezaubern und zu verführen. Sie hat keine anderen Pflichten zu erfüllen als die sogenannten Geselligkeitspflichten. Besuche, die sie empfängt oder erwidert, Ausgänge und Geselligkeit füllen ihre ganze Zeit aus; sie hat weder Zeit dazu, die Hausfrau zu spielen, außer sie macht die Honneurs in ihrem Salon, noch Familienmutter zu sein. Ihre Leute werden von einem Hausmeister oder einer Hausdame geleitet; ihre Kinder haben Gouvernanten und Lehrerinnen.« – Ihre Macht ist dank ihrer Koketterie unermeßlich. Vom Minister bis zum letzten Beamten des Hofes, vom hohen Finanzmann bis zum kleinsten Angestellten stehen alle Männer im Banne der Frau, und zwar der vollerblühten Frau. »Während die Vorliebe der Biedermeierkunst der noch unerschlossenen Weiblichkeit mit ihren knospenhaften schlanken Formen und ihrem züchtigen Gebaren, dem liebenswürdigen jungen Weibe und der naiven mädchenhaften Unschuld galt,« meint Moreck in seinem »Das Weib in der Kunst der Neueren Zeit«, »begeistert sich die Kunst des Zweiten Kaiserreichs nur für den vollerblühten Reiz der reifen, wissenden Frau, die in allen Künsten der Liebe erfahren und alle Register der Wollust virtuos beherrscht.« Und die Kunst spiegelt ja das Leben einer Zeit wieder.

 
Verschwenderisch geht die Frau des Zweiten Kaiserreichs mit ihren Reizen und Vorzügen um und wirft sie keck in die Waagschale. Kokett und leichtlebig, wie sie ist, kommt es ihr nicht auf ein Abenteuer mehr oder weniger an. Die großen Mondänen sind wie von einer Wolke wollüstigen Parfüms umgeben. Die Männer von Welt zählen zu ihren Geliebten die angesehensten und vornehmsten Frauen der Gesellschaft. »Er« und »Sie« flattern von einem Erlebnis zum andern. Die Welt will nun einmal die Frau, die sie beherrscht, und die Frauen des Zweiten Kaiserreichs waren, wie die Zeit es von ihnen verlangte. Selbst die Damen der höchsten Kreise kannten weder Hemmungen noch Einschränkungen ihrer Leichtlebigkeit und Genußsucht. Hatten sie sich satt getrunken an den Genüssen, die Paphos ihnen schenkte, so tauchten sie unter in den Freuden von Lesbos. Die Fürstin Trubetzkoi und die Marquise Adda, zwei Schönheiten aus dem Kreise der Prinzessin Mathilde Bonaparte, hatten ganz öffentlich ein Liebesverhältnis miteinander. Sie waren stets zusammen und tauschten ungeniert ihre Zärtlichkeiten aus. Manche große Dame verliebte sich auch in ihr niedliches Zöfchen.

Großes Aufsehen erregte zum Beispiel im Jahre 1855 eine Erpressungsaffäre, in die die Gräfin Nansouty verwickelt war. Es war in der Pariser Gesellschaft aufgefallen, daß die sonst sehr elegante Frau seit einiger Zeit keine Juwelen mehr trug, obwohl sie den herrlichsten Schmuck besaß, den man sich denken konnte. Als ihr Gatte sie fragte, konnte sie ihm keine Erklärung dafür geben. Er schöpft Verdacht, daß sie sie verkauft hat, und läßt ihren Juwelenschrank aufbrechen. Er ist leer! Madame bestreitet, die Schmucksachen veräußert zu haben. Wo sind sie? – Gestohlen? Der Graf ordnet eine polizeiliche Haussuchung an, und man findet die Juwelen – bei dem sehr hübschen und jungen Kammermädchen! Man beschuldigt die Zofe als ganz gewöhnliche Diebin, bis sie unter dem Kreuzfeuer des Verhörs gesteht, sie sei die Geliebte der Gräfin und habe sich ihren Phantasien nur unter der Bedingung untergeordnet, daß sie den Schmuck erhalte. Madame habe ihr daraufhin alle ihre Juwelen geschenkt. Im Laufe der Unterhandlungen stellte das Mädchen noch mehrere Marquisen und Herzoginnen bloß, unter anderem auch die obenerwähnte Marquise Adda. Um den Skandal zu unterdrücken, erhielt das Kammermädchen ein Schweigegeld von 80 000 Franken! Derartige Affären standen nicht vereinzelt da…
Gertrude Aretz, Die elegante Frau. Eine Sittenschilderung vom Rokoko bis zur Gegenwart. Leipzig 1929

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